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Mein Abschied von der Gelben Fabrik

Mein Abschied von

der Gelben Fabrik

Von visionären Momenten, gelebten Ecken und einem fairen Tauschhandel

Man schreibt das Jahr 2016. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich die nächsten Jahre meines Lebens in einem Raum verbringen würde, der wie das metaphorische Sandwich zwischen einer etablierten Anwaltskanzlei und einem dynamischen Fitnessstudio eingeklemmt ist, hätte ich vermutlich laut gelacht.

Und doch passierte genau das, als ich auf Anraten der wunderbar unkonventionellen Sara Bonetti das erste Mal das von viel Industriecharakter geprägte Stockwerk der Gelben Fabrik betrat.

Ihre Vision? Ein lebendiger, pulsierender Coworking Space in Dornbirn.

Meine Reaktion? Sofortige Sympathie. Mutige Ideen ziehen mich magisch an. Ich hatte ein offenes Ohr – und die Gelbe Fabrik kurz darauf einen treuen Mieter der ersten Stunde.

Der Charme des Authentischen

Es dauerte nicht lange, da füllte sich das Stockwerk mit Leben. Aus der anfänglichen Leere wurde ein echtes Biotop für CoworkerInnen. Sukzessive zogen Möbel ein, Pflanzen sprossen aus dem Boden, Besprechungsräume wurden gestaltet und die Infrastruktur wuchs. Ich vermute übrigens, dass das Jahr 2016 auch für Robert Mäser und dessen Vater Helmuth Mäser (den Vermietern und Kanzlei-Inhabern) ein spannendes Wagnis und ein echter Vertrauensvorschuss war – der sich voll ausgezahlt hat.

Über die Jahre passierte das, was sterile Designbüros mit reiner Profitabsicht nie kopieren können: Es entstand eine echte Community. Eine Gemeinschaft, die den Space durch alle Phasen trug, während andere Konzepte in der Region oft weniger beständig waren.

Das Erfolgsgeheimnis lässt sich in einem wunderbaren Leitspruch zusammenfassen, der damals die Runde machte:

„Ein Coworking Space muss dreckig sein.“

Damit war natürlich kein echter Schmutz gemeint, sondern das „Gelebt- und Verlebt-Sein“. Ecken und Kanten. Ein kreativer Mix aus Alt und Neu, Laut und Leise, Fokus und Austausch. Genau diese Kontraste machten die Gelbe Fabrik so nahbar und authentisch.

Mein Stammplatz war schnell gesetzt: Fast fünf Jahre lang saß ich hinten links, mit perfektem Blick auf den Eingangsbereich. Die Fabrik boomte. Ein zweiter Stock wurde erschlossen, und bald darauf setzten wir noch ein drittes Stockwerk oben drauf. Bei diesem Entwicklungsprozess durfte ich aktiv mitgestalten: Wir befragten die bestehenden CoworkerInnen nach ihren Bedürfnissen – von Fokus- und Tunnelarbeit bis hin zu Gruppenprojekten und Meeting-Zonen. Das Ergebnis war eine maßgeschneiderte Flächenaufteilung im dritten Stock, die bis heute genau so erfolgreich genutzt wird.

Das Büro-Experiment: Neue Wege, unterschiedliche Dynamiken

Als die Digitalen Initiativen schließlich den hinteren Teil des ersten Stocks räumten, sah ich eine großartige Chance. 150 Quadratmeter Gestaltungsfreiraum! Ich begeisterte drei Mitstreiter für die Idee, ging auf Robert Mäser zu und mietete die Fläche als eigene Einheit an. Sarah Preuss, Gregor Kreuzer und Semih Morel schlossen sich dem Projekt an, um gemeinsame Synergien zu nutzen.

In der Praxis zeigte sich jedoch schnell, dass jeder von uns ganz individuelle Vorstellungen und Arbeitsweisen mitbrachte:

  • Erste Veränderungen: Noch vor der finalen Unterzeichnung entschied sich Gregor für einen anderen Weg.

  • Die Dreier-Konstellation: Zu dritt wagten wir den Schritt trotzdem. Für mich war das eine intensive Lernphase. Da ich bis dato geschäftlich meist als Einzelkämpfer mit hohem Tempo und klarem Fokus unterwegs war, war das Teilen von Raum und strategischer Ausrichtung eine völlig neue Erfahrung.

  • Unterschiedliche Schwerpunkte: In der täglichen Praxis merkten wir, dass unsere Arbeitsbereiche sehr autark funktionierten. Zwar gab es mit Sarah das eine oder andere spannende gemeinsame Projekt, doch eine tiefgreifende Zusammenarbeit im gesamten Team entwickelte sich selten. Als unser geplanter Workshopraum im Sinne einer Mehrheitsentscheidung anders genutzt wurde und Sarah sich schließlich in die wohlverdiente Familienpause verabschiedete, veränderte sich die Dynamik im Büro grundlegend.

Am Ende funktionierte die Gemeinschaft eher wie ein kleiner, zweckorientierter Coworking Space für sich. Rückblickend war das der Punkt, an dem ich realisierte, dass diese Konstellation langfristig nicht mehr ganz zu meinen persönlichen Zielen passte. Dennoch war es eine wertvolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Zeit für den Tapetenwechsel: Fokus auf Moritz Kempf

Zum Jahreswechsel stand für mich die strategische Neuausrichtung an. Meinen alten Brand „Junge mit Ideen“ habe ich temporär pausiert, um mich voll und ganz auf meine persönliche Marke Moritz Kempf zu fokussieren. Eine neue Ausrichtung verlangt bekanntlich auch nach einem neuen Rahmen.

Heute arbeite ich fast ausschließlich direkt vor Ort bei meinen Kunden. Da sich mein Verantwortungsbereich und meine Aufgaben stark weiterentwickelt haben, passte die unkonventionelle, kreative Atmosphäre der Gelben Fabrik einfach nicht mehr optimal zu meinem aktuellen Profil.

Das Schöne daran: Man geht niemals so ganz. Durch einen sehr fairen und partnerschaftlichen Tauschhandel durfte ich meine Möbel, die das Gesicht der Gelben Fabrik über Jahre mitgeprägt haben, im Haus lassen. Im Gegenzug gab es eine Wertekarte.

Wenn mich also heute das „Visionsweh“ packt, schaue ich einfach auf einen Kaffee vorbei, genieße die vertrauten Ecken und Kanten und freue mich darüber, was aus Saras mutiger Idee von 2016 geworden ist.

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