Der verwaiste Tischkicker
Der verwaiste Tischkicker
In meiner Zeit als Berater für Unternehmen verschiedenster Branchen ist mir immer wieder ein bestimmtes Phänomen aufgefallen: der verwaiste Tischkicker.
Einst mit großer Euphorie angeschafft, um die Unternehmenskultur auf ein „modernes“ Niveau zu heben, steht er nun in einer Ecke, unbenutzt und staubbedeckt. Doch dieser einsame Tischkicker ist mehr als nur ein überflüssiges Möbelstück – er ist ein Symbol. Ein Symbol für ein Missverständnis, das ich das Google-Syndrom nenne.
Das Google-Syndrom: Ein Missverständnis mit Folgen
Oft reisen Manager und Geschäftsführer voller Erwartung in die Google-Hauptquartiere, um sich inspirieren zu lassen. Was sie dort entdecken, sind augenscheinlich moderne und attraktive Elemente: Powernap-Stationen, Tischkicker, spielerisch gestaltete Teamräume und ein Verschmelzen von Arbeit und Leben.
Doch statt zu erkennen, dass diese Strukturen das Ergebnis einer ausgereiften und hart erarbeiteten Unternehmenskultur sind – einer Kultur, die alte Muster verlassen und bewusst neue Prinzipien verankert hat –, kopieren sie lediglich die sichtbaren Oberflächenelemente. Der Tischkicker wird gekauft, aber die Kultur bleibt dieselbe.
Das Problem: Kopieren statt Verstehen
Immer wieder erlebe ich, wie Unternehmen mit einer starken Kultur andere inspirieren. Mitarbeitende dieser Unternehmen zeigen beeindruckende Eigenverantwortung, identifizieren sich mit ihrer Arbeit und haben genug Freiheitsgrade, um sich ihre Zeit selbst einzuteilen – sei es durch Homeoffice, flexible Arbeitszeiten oder gar einen Mittagsschlaf im Büro. Diese Firmen haben verstanden, dass eine gute Unternehmenskultur nicht mit oberflächlichen Benefits beginnt, sondern mit tief verwurzelten Werten, Vertrauen und Sinnhaftigkeit.
Doch statt diese Prinzipien zu adaptieren, kopieren andere Unternehmen lediglich die oberflächlichen Symptome: „Wenn unsere Mitarbeitenden sich wohler fühlen sollen, dann kaufen wir eben einen Tischkicker!“
Das Problem daran? Die Grundlage fehlt. Wenn es nicht zur gelebten Kultur passt, wenn das Vertrauen fehlt, wenn die Sinnhaftigkeit der Arbeit nicht verankert ist, dann verkommt der Tischkicker zu einem bloßen Dekorationsstück – oder schlimmer noch: zu einem Symbol für eine gescheiterte Kultur.
Die Abwärtsspirale der Benefits
Noch problematischer wird es, wenn Mitarbeitende merken, dass solche „Benefits“ nur eine kosmetische Maßnahme sind. Sie durchschauen schnell, dass der Tischkicker nicht Ausdruck von Vertrauen oder Wertschätzung ist, sondern ein Versuch, fehlende Sinnhaftigkeit zu überdecken. Und das ist der Anfang einer Spirale:
- Der heutige Benefit ist morgen Normalität. Was gestern als attraktives Extra galt, wird schnell zur Selbstverständlichkeit.
- Die Erwartungen steigen. Wenn der Tischkicker keine echte Kulturänderung bewirkt, muss das nächste Benefit her – vielleicht ein Obstkorb, ein Fitnessstudio oder unbegrenzter Urlaub? Doch ohne echtes Vertrauen bleiben auch diese Maßnahmen leer.
- Das eigentliche Problem wird ignoriert. Unternehmen, die nur Symptome bekämpfen, statt sich mit ihrer Kultur auseinanderzusetzen, riskieren langfristig die Unzufriedenheit und Demotivation ihrer Mitarbeitenden.
Die wahren Zeichen einer starken Unternehmenskultur
Was macht also eine wirklich starke Unternehmenskultur aus? Ein funktionierender, genutzter Tischkicker kann ein Indikator sein – aber nur, wenn er Ausdruck einer lebendigen, vertrauensvollen Umgebung ist.
Hier meine Beobachtungen:
- Genutzte Tischkicker sind Zeichen für eine gesunde Unternehmenskultur. Sie zeigen, dass Mitarbeitende sich wohl und frei genug fühlen, ihn zu verwenden.
- Eine starke Unternehmenskultur braucht keine Benefits als Lockmittel. Sie basiert auf Sinnhaftigkeit und Vertrauen – und das ist der wahre Magnet für gute Mitarbeitende.
- Benefits ohne echte Kulturveränderung sind wie Pflaster auf einer offenen Wunde. Sie verdecken kurzfristig das Problem, doch früher oder später kommt es stärker zurück.
- Tischkicker sind eine tolle Erfindung – wenn sie genutzt werden! Es ist zu schade, sie verstauben zu lassen. Aber noch besser ist es, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die sie überhaupt erst nutzbar macht.
Fazit
Statt blind Trends zu kopieren, sollten Unternehmen sich fragen: Was macht unsere Kultur wirklich aus? Welche Werte leben wir? Welche Rolle spielt Sinnhaftigkeit bei unserer Arbeit? Denn echte Unternehmenskultur entsteht nicht durch das Aufstellen eines Tischkickers – sondern durch das bewusste Gestalten eines Umfelds, in dem Mitarbeitende sich gerne einbringen und Verantwortung übernehmen.