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Ursachen für den Fachkräftemangel

Ursachen für den Fachkräftemangel

Wir erleben aktuell eine intensive Diskussion über den Fachkräftemangel, der insbesondere in bestimmten Branchen stark im medialen Fokus steht. Unternehmer schildern mir häufig, dass sie nicht nur Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen, sondern auch mit einer hohen Fluktuation auf besetzten Positionen kämpfen.

Der Fachkräftemangel ist jedoch kein isoliertes Phänomen, sondern ein vielschichtiges Problem mit zahlreichen Ursachen. In der medialen Berichterstattung wird oft ein einseitiges Bild gezeichnet, das die eigentliche Kernfrage ausklammert:

Wie kann ich als Arbeitgeber so attraktiv werden, dass meine Mitarbeitenden auch in schwierigen Zeiten bleiben?

Die Antwort darauf liegt nicht in kurzfristigen Anreizen wie Benefits oder Gehaltserhöhungen, sondern in einer tiefgreifenden Veränderung der Unternehmenskultur. Hier die entscheidenden Aspekte:

1. Sinn und Zugehörigkeit schaffen

Mitarbeitende bleiben dort, wo sie das Gefühl haben, Teil von etwas Größerem zu sein. Eine klare Vision, Werte und eine Mission, die authentisch gelebt werden, sind der stärkste Anker. Es geht nicht darum, nur Arbeitskräfte zu beschäftigen, sondern Menschen zu inspirieren und ihren Beitrag anzuerkennen. Dabei ist entscheidend:

Wir wertschätzen Taten, nicht Identitäten.

Schon unser Sprachgebrauch zeigt, dass Anerkennung vor allem für das Geleistete ausgesprochen wird. „Das hast Du gut gemacht“, „Glanzleistung“ oder „Good Job“ sind häufige Ausrufe. Selten hört man hingegen ein „Du bist toll“ unter Kollegen. 

Wir definieren uns – und werden definiert – durch das, was wir tun. Diese Dynamik schlägt sich auch in Stellenausschreibungen nieder, die oft auf spezifische Aufgaben und Kompetenzen reduziert sind. Doch in einer modernen Arbeitswelt sollten wir den Fokus erweitern: Mitarbeitende sind nicht nur „Leistungsträger“, sondern Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Potenzialen.

2. Wertschätzende Führung als Basis

Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle bei der Bindung von Mitarbeitenden. Doch oft wird Führung auf die Optimierung von Leistung reduziert. Dies rührt aus einer historischen Perspektive: 

Wir verwechseln Menschen mit Maschinen. 

Mit der Industrialisierung wurden Arbeitende zunehmend wie Maschinen betrachtet – als Instrumente, in die Geld investiert wird, um Leistung zu erhalten. Auch wenn diese Vorstellung heute weniger drastisch ist, bleibt das Grundmuster bestehen: Menschen werden oft auf ihre Funktion reduziert. Der Sinnbezug ihrer Arbeit und ihr Kontext als soziale Wesen werden vernachlässigt. Gute Führung bedeutet jedoch, den Menschen als Ganzes zu sehen, seine Bedürfnisse zu verstehen und ihn zu unterstützen, auch wenn es nicht nur um „Output“ geht.

3. Mitarbeitende entwickeln und fördern

Langfristige Bindung entsteht durch persönliche und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Menschen möchten wachsen, nicht nur funktionale Aufgaben erfüllen. Unternehmen, die individuelle Stärken fördern und Entwicklung ermöglichen, schaffen Loyalität.

4. Verlässlichkeit und Respekt

Ein fairer Umgang, transparente Kommunikation und das Einhalten von Versprechen sind essenziell. Menschen bleiben, wenn sie spüren, dass sie nicht austauschbar, sondern respektierte Individuen sind.

5. Ein gesundes Arbeitsumfeld schaffen

Ein Arbeitsplatz, der Raum für Eigenverantwortung, Kreativität und Kooperation bietet, ist entscheidend. Belastungen frühzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern, ist Teil einer langfristigen Strategie.

6. Sichtbarkeit als Arbeitgeber

Fluktuation unter Mitarbeitenden hat viele Ursachen, doch eine der zentralen ist Enttäuschung – eine emotionale Reaktion, die oft aus einer vorangegangenen Täuschung resultiert. Wenn die Realität der Arbeitsumgebung nicht mit den Erwartungen übereinstimmt, die im Recruitingprozess geweckt wurden, bleibt Enttäuschung kaum aus. Der letzte Ausweg ist dann häufig die Kündigung.

Das bewusste oder unbewusste Vortäuschen falscher Tatsachen – sei es durch geschönte Stellenbeschreibungen, unrealistische Versprechungen oder übertriebene Darstellungen der Unternehmenskultur – ist ein Symptom einer kurzsichtigen Recruitingmentalität. Diese vermeintliche Abkürzung mag kurzfristig Erfolge bringen, fällt jedoch langfristig auf das Unternehmen zurück: Sie beschädigt nicht nur das Vertrauen der Mitarbeitenden, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Arbeitgebermarke.

Nachhaltiges Recruiting beginnt mit Authentizität und Ehrlichkeit – Werte, die nicht nur den passenden Mitarbeitenden anziehen, sondern auch deren Bindung stärken.

Warum Benefits allein nicht reichen:

Benefits mögen kurzfristig attraktiv wirken, lösen jedoch keine grundlegenden Probleme. Ein Obstkorb oder ein Fitnessstudio ersetzen keine werteorientierte Unternehmenskultur. Menschen bleiben nicht wegen materieller Anreize, sondern wegen einer Umgebung, die Sinn, Wertschätzung und Perspektive bietet.

Wer wegen Benefits kommt, der geht auch wieder aufgrund dieser.

Die wahre Kunst der Mitarbeiterbindung liegt darin, ein Umfeld zu schaffen, das Menschen inspiriert, fördert und in ihrer Ganzheit respektiert. Nur so gelingt es, Talente nicht nur zu gewinnen, sondern langfristig zu binden.

Der Schlüssel zu erfolgreichen Bewerbungen liegt darin, Menschen bereits in der Stellenausschreibung auf einer tieferen Ebene zu erreichen: über die Sinnhaftigkeit ihrer potenziellen Tätigkeit. Wenn es gelingt, klar zu vermitteln, welchen gesellschaftlichen Beitrag sie mit ihrer Lebenszeit leisten können, wird der Weg zu den passenden Bewerbungen deutlich geebnet. Es ist nicht allein die Fachkenntnis, die zählt – sie kann erlernt und weiterentwickelt werden. Viel wichtiger ist die Frage, ob ein Mensch aus einer ganzheitlichen Perspektive zur Funktion und zur Unternehmenskultur passt.

Wir alle haben schon erlebt – bei anderen und bei uns selbst –, wie gewaltig die Energie ist, die freigesetzt wird, wenn wir für etwas mit Leidenschaft und Überzeugung brennen. Dieses Feuer wird nicht durch Aufgaben allein entfacht, sondern durch den Sinn, den wir in unserer Arbeit sehen. Und in diesem Zusammenhang spielt auch die Lernerfahrung eine entscheidende Rolle: zu wachsen, Neues zu entdecken und Teil von etwas Größerem zu sein. 

Ein Arbeitsplatz, der Sinn stiftet, ist mehr als nur eine Funktion – er wird zur Berufung. Und genau das sollte bereits in der ersten Kontaktaufnahme, der Stellenausschreibung, spürbar werden.